Stille Bilder · Technik

Rainer Frädrich

1. Von digital zu analog

Im Zusammenhang mit den Bildern der Homepage taucht immer wieder die Frage auf, warum dort keine technischen Angaben zur Entstehungsweise der Fotos stehen. Also Kamera, Verschlusszeit, Blende, bei der analogen Fotografie zudem Filmtyp, Filmformat, verwendete Chemie usw. Ich glaube nicht, dass solche Angaben wirklich hilfreich sind. Technische Angaben, wie sie oft unter Bildern stehen, erzeugen die Illusion von Nachvollziehbarkeit und Reproduzierbarkeit, obwohl sie das Wesentliche gar nicht beschreiben, nämlich die Situation vor Ort zum Aufnahmezeitpunkt. Das Licht, das Wetter und vor allem die Empfindungen, die der Grund waren, warum das Bild entstanden ist. Auch müsste man konsequenterweise, wenn man technische Hintergrund-Informationen zu einem Bild erhalten möchte, insbesondere bei der Digitalfotografie, nach Art und Umfang der nachträglichen Bildbearbeitung fragen (die ein ganz wesentlicher Faktor für die Bildwirkung sein kann), was meines Wissens aber so gut wie nie jemand macht.

Vor einigen Jahren (2016) bin ich nach zwölf Jahren Digitalfotografie weitgehend zur Fotografie auf Film zurückgekehrt. Viele meiner Bekannten hielten das aus technischer Sicht für einen Rückschritt, da digitale Bilder anders als Fotos auf Film sofort verfügbar sind und ohne Aufwand in Photoshop geladen und dort bearbeitet werden können. Digitale Aufnahmen sind schärfer und haben oft eine höhere Auflösung als Scans von Fotonegativen. Das stimmt alles, doch kommt es mir auf diese technischen Faktoren gar nicht an.

Es ist die Empfindung beim Fotografieren, die Herangehensweise, die für mich die größte Bedeutung hat. Wenn ich auf Film fotografiere, würdige ich jede Aufnahme viel intensiver, weil ich weiß, dass ich nur eine sehr begrenzte Anzahl Aufnahmen zur Verfügung habe. Für mich ist die Belichtung eines Negativs der Abschluss eines gedanklichen und gestalterischen Prozesses, bei dem ich mir sehr genau überlegt habe, was ich wie fotografieren will. Ich verschiebe die gestalterischen Entscheidungen nicht auf die Zeit nach dem Fotografieren, sondern möchte, dass der Auslösemoment der entscheidende Moment für dieses Foto ist.

Anhand einiger Bildbeispiele möchte ich meine heutige analoge Vorgehensweise beschreiben.

Zuvor ein paar Worte zum Filmmaterial. Alle Filme, die ich verwende, sind Schwarzweiß-Filme. Filmmaterial gibt es in verschiedenen Größen, wobei die populärsten Formate das Kleinbildformat (24×36 mm), das Mittelformat (bei mir immer quadratisch belichtet im Format 6×6 cm) und das Großformat (bei mir immer 4×5 Zoll) sein dürften. Für jedes dieser Formate habe ich Kameras, und bei jedem neuen Foto-Vorhaben frage ich mich zunächst, welches Format und welche Kamera am geeignetsten für das Vorhaben ist. Meine Grundregel lautet: Ich nehme immer das größte Format, das für das Fotoprojekt noch machbar ist. Also Mittelformat nur dann, wenn das Großformat nicht in Frage kommt, und Kleinbild nur dann, wenn Mittelformat nicht passt. Wobei ich kaum noch auf Kleinbildformat fotografiere, da meine Bildideen in aller Regel im Mittelformat machbar sind, viele auch im Großformat.

 

2. Bildbeispiele

Beginnen wir die Beispiele mit dem Großformat. Dieses Bild habe ich in 4×5 Zoll fotografiert. Die Beleuchtung ist eine Kombination aus Blitzlicht und Kerzenlicht. Im verdunkelten Raum habe ich fünf Sekunden lang belichtet, wobei ich während der Belichtung einen von rechts seitlich in die Szene leuchtenden Blitz (Normalreflektor mit Wabe) mit sehr geringer Leistung ausgelöst habe, damit die Nussschale erkennbar wird. Ohne den Blitz wäre die Unterseite der Nussschale im Bild einfach nur schwarz gewesen, weil dort kein Kerzenlicht hin fiel. Das Objektiv war ein uraltes (über 100 Jahre altes) Agfa-Objektiv (165mm).

Gemäß meiner Grundregel, immer das größte praktikable Format zu nehmen, kam hier das Großformat in Frage, da nichts an dem Motiv so dynamisch oder kurzlebig war, dass das Großformat dafür zu langsam gewesen wäre. Oft mache ich im Großformat tatsächlich nur eine einzige Aufnahme des Motivs, keine zusätzlichen »Sicherheitsschüsse«. In diesem Fall habe ich jedoch zwei Aufnahmen gemacht, eine mit fünf Sekunden (hier abgebildet) und eine mit zehn Sekunden, da ich nicht abschätzen konnte, welche Belichtungszeit die Kerzenflamme besser zeigt.

An dem Bild ist – wie bei allen anderen Bildern auch – nichts manipuliert. Ich habe nach dem Scannen des Negativs nur wie üblich geringe Anpassungen an Helligkeit und Kontrast vorgenommen und natürlich Fusseln und Staubkörnchen ausgetüpfelt.

 

Die hier abgebildete Mittelformataufnahme hätte ich auch im Großformat machen können, wenn ich mit der Großformatkamera auf Fototour unterwegs gewesen wäre. In diesem Fall war es aber so, dass ich das Herbst-Motiv zufällig am Wegesrand gesehen habe. In meinem Rucksack liegt immer eine Mittelformat-Messsucherkamera bereit, und so habe ich dieses Bild damit gemacht. »Die beste Kamera ist immer die, die man gerade dabei hat.« Es ist mit einem 150mm-Objektiv, d.h. etwa der doppelten Brennweite eines Normalobjektivs im 6×6-Format, bei Offenblende entstanden. Die Belichtungszeit habe ich der Belichtungsautomatik überlassen, da hier keine kritischen Helligkeitsunterschiede im Motiv vorhanden waren. Bei der Bearbeitung habe ich die Helligkeit des Bildes bewusst ein wenig in Richtung »novemberlich-dunkel« verschoben. Es ist meine Überzeugung, dass die richtige Bildhelligkeit mehr eine Sache der Bildstimmung ist und weniger eine Sache des technisch korrekten Ausschöpfens aller verfügbaren Tonwerte.

 

Diese Aktaufnahme ist im Kleinbildformat entstanden. Hier hatte ich bewusst auf eine Mittelformatkamera verzichtet, weil ich mit der Kleinbildkamera beweglicher bin, was ein großer Vorteil ist, wenn man spontan Bildideen ausprobieren will. Außerdem lenkt eine große Kamera mit einem lauten Auslösegeräusch zu sehr ab, was gerade in Situationen, bei denen es auf die Kommunikation mit dem Menschen vor der Kamera ankommt, sehr hinderlich sein kann. Deshalb benutze ich in diesen Fällen am liebsten entweder eine Kleinbildkamera oder eine Mittelformat-Messsucherkamera, die zwar größer ist als eine Kleinbildkamera, aber ein wunderbar unaufdringliches Auslösegeräusch hat (nicht viel lauter als bei einer Kleinbild-Messsucherkamera). Die Aufnahme ist mit einem 50mm-Normalobjektiv bei mittlerer Blende (5,6 oder 8) entstanden. Die Lichtquelle war ein Studioblitz mit einem versilberten Schirm (ca. ein Meter Durchmesser) von oben.

 

Die Lochkamera darf natürlich bei den Beispielen nicht fehlen, die wohl einfachste Kamerabauform, die es gibt: Ein lichtdichter Kasten, ein winziges Loch auf einer Seite, durch das ein wenig Licht in den Kasten dringen kann und lichtempfindliches Material innen im Kasten auf der Seite gegenüber dem Loch, auf das das Licht fällt.

Lochkamerabilder sind nicht sehr scharf. Allerdings erstreckt sich der Schärfebereich praktisch von der Kamera selbst bis unendlich. Man muss also nichts scharfstellen. Bilder mit der Lochkamera sind immer Langzeitbelichtungen, da nur sehr wenig Licht in die Kamera gelangt. Ich nehme sie gerne, wenn ich ein Motiv unserer »normalen« Sehweise entrücken will. Lochkamerabilder haben oft etwas Traumhaftes.

Die Handhabung ist denkbar einfach: Kamera auf das Motiv hin ausrichten, Verschluss öffnen, geduldig warten (einige Sekunden bis einige Stunden, je nach Lichtverhältnissen), Verschluss wieder schließen, fertig. Die Belichtung für Lochkamera-Aufnahmen ermittele ich mit einer Lochkamera-Smartphone-App, von denen es eine ganze Reihe gibt, und einer gehörigen Prise Intuition, da sich die Lichtverhältnisse bei einer Langzeitbelichtung durchaus ändern können.

 

Zum Schluss ein Bild, das mit einer Sofortbildkamera entstanden ist. Ich habe ein Faible für die Sofortbild-Fotografie. Diese kleinen Unikate haben einen ganz eigenen Reiz. Sie sind oft unscharf, fehlbelichtet und haben zuweilen eine eigentümliche Kontrastwiedergabe. Aber vielleicht ist es genau das, was sie so einzigartig macht. Und ganz sicher ist es die Magie, wenn das Bild langsam aus dem Bildträger hervorkommt.

 

Selbstverständlich kann man Bilder wie die eben beschriebenen auch digital fotografieren und dann mittels diverser Bildbearbeitungs-Plugins so verändern, dass sie wie auf Film fotografiert aussehen, was derzeit in den Social-Media-Bildforen ein sehr angesagter Look zu sein scheint.

Was ich mich dabei frage: Wenn so viele Leute digital all den Aufwand bei der Bildbearbeitung betreiben, nur um ein Foto aussehen zu lassen, als ob es auf Filmmaterial fotografiert wurde, warum fotografieren sie dann nicht einfach auf Filmmaterial?

 

3. Standentwicklung

Es gibt zwei Methoden, Schwarzweißfilme ohne großen technischen Aufwand zu entwickeln, also ohne Zuhilfenahme ziemlich teurer Gerätschaften. Die von den meisten Leuten verwendete Methode ist die Kipp-Filmentwicklung, die andere, nicht so bekannte Variante ist die Standentwicklung. Über die Kippentwicklung gibt es sehr viele Informationen im Netz und in der Fachliteratur, weswegen ich auf eine Beschreibung verzichte. Die Standentwicklung dagegen ist wesentlich weniger bekannt, deshalb möchte ich sie ausführlicher vorstellen.

Die Standentwicklung mit dem Entwickler Rodinal (man kann auch andere Entwickler verwenden, ich habe jedoch bisher ausschließlich Rodinal benutzt) eignet sich für alle, die auf einige »Stellschrauben«, an denen man bei der klassischen Filmentwicklung drehen kann (um Kontrast, Feinkörnigkeit oder Schärfe zu optimieren) verzichten können/wollen und sich die Sache vor allem einfach machen wollen. Rodinal ist ein einfacher, gutmütiger Entwickler und ist sehr ergiebig und sehr lange haltbar. Und die Standentwicklung funktioniert immer, egal welchen Film man entwickelt und ohne dass man genau auf die Verarbeitungs-Temperatur oder Entwicklungszeit achten müßte.

Nachfolgend will ich beschreiben, wie ich vorgehe und warum die Standentwicklung überhaupt funktioniert.

Voraussetzung für die Standentwicklung ist, dass man den Entwickler stark verdünnt. Bei Rodinal sind drei bis vier Milliliter Entwickler pro Film ein guter Startpunkt. Die Verdünnung sollte etwa 1+100 oder mehr betragen, womit wir für 4 ml Rodinal bei 400 ml Wasser wären. Das ist ein wenig knapp für beispielsweise eine Jobo-1520-Dose (wie ich sie für Rollfilm verwende), da für sie eine Füllmenge von 485 ml empfohlen wird. Deshalb nehme ich 4 ml Entwickler auf 485 ml Wasser, was einer Verdünnung 1+121 für einen Rollfilm entspricht. Und das funktioniert sehr gut. Bei Kleinbild würde ich den gleichen Ansatz nehmen.

Wenn der Entwickler angesetzt ist, geben wir ihn wie üblich in die Dose, kippen ein paar Mal und stellen die Dose irgendwo ab. Nach einer halben Stunde kippen wir sie wieder ein paar Mal und lassen sie noch einmal eine halbe Stunde stehen.

Anschließend wird wie üblich gestoppt (in meinem Fall mit Wasser), fixiert und gewässert.

Damit ist sicherlich nachvollziehbar, warum es Standentwicklung heißt. Oder genauer Semi-Standentwicklung, weil man bei der puren Standentwicklung das Kippen nach der halben Zeit weglässt. Das Kippen zur Halbzeit dient dazu, Schlieren auf den Negativen zu vermeiden, die sich unter Umständen bilden können, wenn Entwicklungsprodukte, die schwerer sind als Wasser, zu Boden sinken und dabei mit dem Film reagieren.

Der Charme dieser Methode: Es ist unvergleichlich einfach und funktioniert immer, und man kann zwischendurch etwas anderes tun, ohne sich zu verzetteln. Außerdem ist es völlig egal, welchen Schwarzweißfilm man verwendet. Und die Temperatur ist in weiten Grenzen (etwa 15 Grad bis etwa 25 Grad) auch egal.

Worin unterscheidet sich nun die Standentwicklung von der üblichen Entwicklung?

Bei der »normalen« Entwicklung verwendet man immer deutlich mehr Entwickler als nötig. Daher muss man Zeit und Temperatur ziemlich exakt einhalten, um nicht zu stark zu entwickeln. Bei der Standentwicklung hingegen nimmt man nur gerade so viel Entwickler (bei Rodinal sind das die schon erwähnten 3 bis 4 ml pro Kleinbildfilm bzw. Rollfilm), wie benötigt wird, um an den Stellen, die das meiste Licht abbekommen haben und damit an stärksten bei der Entwicklung geschwärzt werden, einen ausreichenden Schwärzungsgrad zu erreichen. Es ist sogar so, dass in diesen Bereichen die Entwicklung nach etwa einer guten Viertelstunde zuende ist, weil dort der Entwickler verbraucht ist und dadurch, dass die Dose bei der Standentwicklung nicht bewegt wird, an diesen Stellen auch kein frischer Entwickler mehr hinkommt. In den Bereichen des Negativs, die nur wenig Licht erhalten haben, bildet sich nur eine geringe Schwärzung, d.h. dort verbraucht sich der Entwickler nicht so schnell und kann während der gesamten Entwicklungszeit wirken. Wir erhalten genau das, was wir wollen: die Lichter behalten ihre Zeichnung, weil sie nicht zu dicht werden und die Schatten werden gut ausentwickelt, sodass wir auch noch in dunklen Motivbereichen Details erkennen können. Bei kontrastarmen Motiven kann das Negativ dadurch allerdings flau erscheinen, da die dunklen und hellen Stellen in ihrer Helligkeit bei wenig Motivkontrast nicht weit auseinander liegen.

Bei der Standentwicklung kann man kaum überentwickeln, da der Entwickler sich irgendwann erschöpft und nichts mehr passiert. Das dürfte nach spätestens zwei Stunden der Fall sein, wobei ich selbst keinen Unterschied sehe zwischen Negativen, die eine Stunde standentwickelt wurden und Negativen, die zwei Stunden standentwickelt wurden. Also beschränke ich mich auf eine Stunde. Es gibt auch Leute, die nur 40 Minuten standentwickeln (20 Minuten stehen lassen, ein paar Mal kippen, 20 Minuten stehen lassen) und zu guten Ergebnissen kommen. Die Standentwicklung fordert es geradezu heraus, nach Lust und Laune die Parameter zu ändern und seine ganz eigene Vorgehensweise zu finden.

Zum Schluss noch ein paar Tipps, was man machen kann, wenn die Negative zu dünn oder zu dicht werden (richtige Belichtung vorausgesetzt):

Eine zu hohe Entwickler-Konzentration erkennt man vor allem an zu dichten Negativen. Eine möglicherweise zu lange Entwicklungszeit hat bei der Standentwicklung wenig Einfluss. Konsequenz: Die Entwickler-Menge bei gleicher Wassermenge reduzieren.

Eine zu niedrige Entwickler-Konzentration erkennt man an zu dünnen Negativen. Dies kann natürlich auch auf eine zu kurze Entwicklungszeit hindeuten, ist in der Regel jedoch die Folge zu geringer Entwickler-Konzentration. Konsequenz: Die Entwickler-Menge bei gleicher Wassermenge erhöhen.

4. Bildschirm-Testbild

Damit ein Foto auf dem Bildschirm richtig dargestellt wird, sollte der Monitor einigermaßen korrekt eingestellt sein. Hier ist ein einfaches Testbild. Die Quadrate werden von links nach rechts um jeweils 10% dunkler. Das Quadrat ganz links ist weiß, das Quadrat ganz rechts ist schwarz. Das weiße Quadrat sollte papierweiß sein, d.h. zwar weiß aber nicht grell. Alle Quadrate sollten sich voneinander unterscheiden. Es sollte auf jeden Fall ein Unterschied zu sehen sein vom weißen Quadrat zum Quadrat direkt rechts daneben und vom schwarzen Quadrat ganz rechts zum Quadrat direkt links daneben. Wenn das der Fall ist, passt es in aller Regel bei den anderen Helligkeiten auch.