Stille Bilder · Entschleunigung

Rainer Frädrich

 

Mit der Digitalisierung hat sich die Fotografie unserer extrem beschleunigten Welt angepasst. Digitale Fotografie arbeitet schnell, sehr schnell. Das Bild ist nach dem Auslösen sofort verfügbar und kann in Bildbearbeitungs-Programmen beinahe beliebig verändert werden.

Als Konsequenz verschiebt die digitale Fotografie die kreativen Entscheidungen weg vom Zeitpunkt der Aufnahme und hin zur späteren Bearbeitung der Fotos am Rechner. So kommt es, dass zum einen während des digitalen Fotografierens eine Unmenge zusätzlicher Fotos gemacht wird – Fotos, die nichts weiter sind als Kopien der bereits fotografierten Bildidee –, und dass zum anderen die Fotos nicht mit der bestmöglichen Sorgfalt fotografiert werden, da in der Nachbearbeitung vieles korrigiert werden kann.

Gerade in der Fotografie von Menschen baut diese Herangehensweise Hürden zwischen Modell und Fotograf auf, die dazu führen, dass das Modell entmenschlicht als erstes Glied einer Verarbeitungskette – einem Workflow – angesehen wird. Dabei sind gerade in der Porträt-Fotografie Faktoren wie das Verhältnis zwischen Modell und Fotograf, das innere Einverständnis, die emotionale Auseinandersetzung zwischen Modell und Fotograf Voraussetzungen für ausdrucksvolle Porträts. Der Mensch vor der Kamera mit seinen Gefühlen und Vorstellungen und der Mensch hinter der Kamera mit seinen Gefühlen und Vorstellungen machen das Bild, nicht die Kamera und Photoshop.

Mit einer Herangehensweise, die man die Entschleunigung der Fotografie nennen könnte, möchte ich meine Aufmerksamkeit auf den Ort und die Zeit des Geschehens, den Auslöse-Moment, fokussieren. Fotografie betreiben als unmittelbare Auseinandersetzung mit dem Motiv. So entstehen (Schwarzweiß-) Fotografien, die ich schon bei der Aufnahme als Endprodukt ansehe und nicht nur als Rohmaterial für eine spätere digitale Bearbeitung. Fotografien, die digital aufgenommen werden, deren weitere Bearbeitung aber dem Motto folgt: so viel Bearbeitung wie nötig, so wenig wie möglich. Und genau so wichtig: Fotografien, die ganz klassisch auf Film aufgenommen werden, als Rückbesinnung und Prüfstein dafür, dass die Kraft der Bilder unabhängig ist von ihrer analogen oder digitalen Entstehungsweise.

Viele Jahre lang war die Fotografie von Menschen mein Schwerpunkt. Doch nun scheint mein Weg in eine andere Richtung zu führen. Ich bin gespannt, ob mich die Beschäftigung mit anderen Themenbereichen eines Tages wieder zurückführen wird zur Menschen-Fotografie oder ob dieser Themenbereich für mich endgültig Vergangenheit geworden ist.