Die Teekultur existiert seit fast 5000 Jahren; ein
chinesischer Kaiser namens Shen Nung
(2737 bis 2697 v. Chr.) soll die guten Eigenschaften
des Tees entdeckt haben. Sie hat sich natürlich im
Laufe der Jahrtausende gewandelt, aber eines ist ihr
bis heute zu eigen: Tee kann nur dann wirklich
genossen werden, wenn er in einer Atmosphäre der
Harmonie und Ruhe getrunken wird. Tee ist kein Ex-
und Hopp-Getränk. Der Geschmack einer Tasse Tee,
der feine Duft, der der Kanne entströmt; all das
ist viel zu flüchtig, um im Vorübergehen wahrgenommen
zu werden. Hierin liegt vielleicht ein Grund dafür,
dass viele Menschen nicht mehr viel mit Tee anfangen
können: Seine Wirkung ist sehr subtil und erschließt
sich nur, wenn man die Muße hat, sie in sich zu erspüren.
Zur Verdeutlichung der Poesie, die untrennbar mit Tee verbunden zu sein scheint, möchte ich zwei chinesische Quellen zitieren1. Zunächst die Zeiten fürs Teetrinken (das Original ist recht poetisch und ist aus 24 viersilbigen Zeilen aufgebaut):
Augenblicke der Muße
Gelangweilt von Poesie
Voller wirrer Gedanken
Wenn man zu Liedern den Takt schlägt
Wenn keine Musik ertönt
Leben in der Abgeschiedenheit
Bei geistreichem Zeitvertreib
Bei nächtlichem Gespräch
Beim Studium an sonnigen Tagen
Im Brautgemach
Beim Unterhalten befreundeter Gäste
Als Gastgeber von Gelehrten und schönen Damen
Beim Besuch von Freunden, die von weither heimgekehrt
Bei schönem Wetter
Bei verhangenem Himmel
Beim Beobachten vorbeigleitender Boote
Beim Lagern unter Bäumen und Bambus
Wenn die Blumen Knospen treiben und die Vögel zwitschern
An heißen Tagen an einem Lotosteich
Beim Verbrennen von Weihrauch im Innenhof
Wenn die trunkenen Gäste gegangen sind
Beim Besuch einsam gelegener Tempel
Beim Anblick von Quellen und malerischen Felsen
Mit anderen Worten, Teegenuss und Ästhetik gehen Hand in Hand. Und noch etwas wird deutlich: Tee ist nicht nur Selbstzweck und dient nicht nur dazu, den Durst zu löschen, sondern kann auch bestehende Situationen vertiefen helfen.
Der zweite chinesische Text – es handelt sich um die vierte Strophe der Ballade vom Tee – beschreibt die Wirkung des Tees:
Die erste Schale netzt geschmeidig Lippen und Kehle,
Die zweite vertreibt meine Einsamkeit,
Die dritte verbannt trübe Gedanken
Und schärft das Verständnis für alles, was ich gelesen.
Die vierte beschwingt meinen Atem und lässt
Die Sorgen des Lebens durch die Poren entweichen.
Die fünfte Schale reinigt jedes Atom meines Seins.
Die sechste lässt mich Nähe zu den Unsterblichen fühlen.
Die siebte ist das Äußerste, was ich trinken kann,
Eine leichte Brise entströmt den Achselhöhlen.
Das größte Problem scheint für die meisten Menschen, die Tee zum ersten Mal probieren, die Zubereitung darzustellen. Schon viele Leute haben dem Teegenuss den Rücken gekehrt, weil sie von seinem Geschmack – bedingt durch falsche Zubereitung – enttäuscht waren.
Da ist zunächst die Teesorte. Mal abgesehen von ihrem Herkunftsort (Darjeeling, Assam, Ceylon [Sri Lanka], China, Japan usw.) und der Erntezeit (First Flush = Erste Pflückung im Frühjahr, Second Flush = Zweite Pflückung im Herbst) unterscheiden sich die diversen Teesorten in der Verarbeitung:
Die geschmacklich edelsten Tees sind zweifellos die grünen Tees (zu denen auch der weiße Tee zählt, der in der Regel von bester Qualität ist). Doch ist eine gewisse Erfahrung nötig, um diese Tees schätzen zu lernen; etwa so, wie man auch die herbe Delikatesse verschiedener Biersorten nicht auf Anhieb richtig einschätzen kann.
Bohea und Oolong schmecken durch die Fermentierung zwangsläufig anders (aber nicht besser oder schlechter) als grüne Tees, sind aber im allgemeinen auch von hoher Güte.
Der weit verbreitete schwarze Tee kann an das geschmackliche Niveau von leicht fermentierten Tees herankommen, ohne dieses jedoch zu erreichen. Bedingt durch den Massenmarkt für schwarzen Tee kann man hier hervorragende Qualitäten erhalten, aber auch Sorten, die selbst als Beuteltee nur für eine Sorte Beutel geeignet sind: für den Müllbeutel.
Tee-Praxis
Das Hauptproblem ist die Zubereitung. Viele Leute
sind durch falsche Zubereitung vom Tee enttäuscht
worden. So trivial es klingt: Die wichtigste Regel
lautet Ruhe. Nun muss man nicht erst einen
Meditations-Lehrgang beim Guru um die Ecke
belegen, um Tee zubereiten zu können, aber
ein wenig sollte man sich schon zusammenreißen,
bevor man sich an ihm vergreift (am Tee,
nicht am Guru).
Tee muss man in Ruhe zubereiten; wer hektisch ist, macht Fehler, und die wirken sich beim Tee sofort aus. Tee ist kein Instant-Getränk; er wird im wahrsten Sinne des Wortes zu einer bitteren Erfahrung, wenn man ihn ärgert. Deshalb ist ein gewisser Aufwand im Umgang mit diesem Stoff erforderlich. Die nachfolgende Beschreibung ist allerdings kein Muss. Jede/r kann (und sollte) die Schritte nach eigenem Gutdünken variieren, wenn es dem persönlichen Geschmack zugute kommt.
Ganz wichtig ist das Wasser: es sollte ziemlich weich sein. Ist es das nicht, schmeckt der Tee nicht. Aber auch hier gilt: ausprobieren, beispielsweise eine Zubereitung mit Leitungswasser und dann eine mit stillem Wasser aus der Flasche oder mit Wasser, das zuvor durch ein Wasserfilter gelaufen ist. Wenn der Tee mit Flaschen-Wasser oder mit gefiltertem Wasser besser schmeckt als derjenige mit Leitungswasser, dann muss man eben abwägen, ob einem der geschmackliche Zugewinn das zusätzliche Geld und der zusätzliche Aufwand für das Wasser aus der Flasche oder aus dem Filter wert ist.
Schwarztee: Für den Schwarztee sollten zwei Kannen bereit stehen: eine zum Aufgießen, eine zum Servieren. In die erste Kanne geben wir den Schwarztee, für den Anfang (sozusagen zum Einschmecken) etwa drei bis sechs Gramm für einen halben Liter Wasser. Wieviele Teelöffel sind beispielsweise vier Gramm? Schwer zu sagen, da gebrochener Tee natürlich mehr Gewicht auf den Löffel bringt als ein Tee mit ganzen, großen Blättern. Als Anhaltspunkt würde ich sagen: Vier Gramm gebrochener Tee entsprechen ein bis eineinhalb schwach gehäuften Teelöffeln, vier Gramm Blatt-Tee entsprechen eineinhalb bis zwei gut gehäuften Teelöffeln. Ich selbst verwende entweder eine Küchenwaage (Feinwaage), die im einstelligen Grammbereich messen kann, oder alternativ eine (ziemlich antiquierte) Waage mit zwei Waagschalen; eine Waagschale für die Gewichte, die andere für den Tee.
Wenn das Wasser sprudelnd kocht, schütten wir es in die Kanne mit dem Schwarztee und lassen das Ganze rund zwei bis drei Minuten ziehen (manche, die es gerne herb mögen, lassen den Tee bis zu fünf Minuten ziehen), ganz nach persönlichem Geschmack. Auch hier kann nach Herzenslust experimentiert werden. Nach Ablauf der Ziehzeit gießen wir den Tee über ein (Edelstahl-) Sieb oder ein Papierfilter in die zweite Kanne. Selbstverständlich funktioniert die Zubereitung auch problemlos ohne eine zweite Kanne, wenn sich die Teeblätter von vornherein in einem Sieb oder Papierfilter befinden.
Eine alternative Aufguss-Methode besteht darin, in
die Kanne, in der sich die Teeblätter befinden, nur
einen Teil des kochenden Wassers zu gießen –
gerade etwa so viel, dass die Teeblätter bedeckt
sind – und den Rest des Wassers erst dann
hinzuzufügen, wenn die Ziehzeit zuende ist. Diese
Vorgehensweise empfiehlt sich insbesondere bei sehr
kräftigen Tees, wenn man deren Geschmack etwas
dämpfen möchte.
Grüntee: Wasser für grünen Tee lassen wir einige Zeit abkühlen. Es sollte höchstens 80°C heiß sein, bevor es mit dem Tee in Berührung kommt.
Eine beliebte Form der Abkühlung ist die Verwendung von zwei Kannen: In die erste Kanne gießen wir das kochende Wasser und lassen es etwa zwei bis drei Minuten abkühlen. Nach Ablauf der Abkühlzeit ist das Wasser zwar eigentlich noch zu heiß, aber beim Umschütten in die zweite Kanne kühlt es sich nochmals deutlich ab (die kalte Kanne entzieht dem Wasser Wärme), sodass wir in der zweiten Kanne auf eine Wassertemperatur von unter 80°C kommen. Nun können wir den Tee in die zweite Kanne geben (direkt oder über ein Sieb oder Filter).
Wenn man auf eine zweite Kanne verzichten will, sollte das Wasser mindestens zehn bis fünfzehn Minuten abkühlen (am besten anfangs testweise mal mit einem Thermometer prüfen), bevor es über den Tee gegossen wird.
Als dritte Variante zum Abkühlen des Wassers ist es auch möglich, das heiße Wasser mit kaltem Wasser zu mischen. Ich verwende für ein halben Liter Tee ca. 300 ml bis 400 ml Wasser, das ich zum Kochen bringe, lasse das gekochte Wasser kurz stehen und schütte es dann in die Zieh-Kanne. Anschließend fülle ich die Kanne auf die gewünschten 500 ml mit kaltem Wasser auf (also 100 bis 200 ml kaltes Wasser), bevor ich den Tee hinzugebe. Auch das kann man, wenn man noch nicht sicher ist, dass die Temperatur stimmt, mit einem Thermometer überprüfen.
Als Ziehzeit würde ich wie bei Schwarztee zwei bis drei Minuten (für einen gediegenen herben Genuss auch mal fünf Minuten) vorschlagen. Welche Zeit die richtige ist, richtet sich ganz nach dem persönlichen Geschmack. Nebenbei: Grüntee ist so ergiebig, dass er sogar mehrere Aufgüsse verträgt. Probieren Sie es ruhig einmal aus.
Tee sollte aus stilistischen Gründen aus henkellosen Tassen (Schalen) getrunken werden. Das hat den Nebeneffekt, dass man den ersten Schluck erst dann zu sich nimmt, wenn man sich nicht mehr die Finger an der Tasse verbrennt. Der Tee ist dann soweit abgekühlt, dass sein Geschmack voll zur Geltung kommt. Es tut dem Geschmack allerdings auch keinen Abbruch, wenn man eine Kaffeetasse verwendet.
Apropos Geschmack: Das ist Gewöhnungssache, genau wie bei Wein, Mode oder küssen. Also auch hierbei nichts überstürzen. Und: Manche Tees schmecken zunächst etwas bitter, hinterlassen aber seltsamerweise einen angenehm süßen, duftigen Nachgeschmack. Andere schmecken verschieden, je nachdem, ob man sie sehr heiß oder schon etwas abgekühlt trinkt. Und manche schmecken gar nicht2. Aber dagegen kann man etwas tun, nämlich eine andere Sorte ausprobieren.
Bis jetzt ist in diesem Text noch nirgends der Begriff aromatisierter Tee aufgetaucht, also Tee mit Frucht-, Kräuter- oder Gewürz-Geschmack. Nun, Aromatisierung ist oft nicht meine Sache. Ich mag den Eigengeschmack des Tees viel lieber als die Veränderung des Tee-Geschmacks durch ein (natürliches oder künstliches) Aroma. Natürlich gibt es Ausnahmen. Den etwas eigentümlichen Geschmack des Urvaters des aromatisierten Tees – Earl Grey – mag ich sehr, und gerade in der Advents- und (Vor-) Weihnachtszeit gibt es perfekt in diese Zeit passende aromatisierte Tees. Man muss nur aufpassen, dass man keine minderwertige Teebasis untergejubelt bekommt, in der Hoffnung, dass man die mangelnde Tee-Qualität sowieso nicht schmeckt durch die Aromatisierung.
Und dann gibt es noch »Tee«-Sorten wie (echte) Früchte- oder Kräuter-Tees. Sie haben in diesem Text nichts verloren (obwohl sie sehr gut schmecken), da sie im strengen Sinne gar keine Tees sind, d.h. zubereitet aus der Teepflanze Camellia Sinensis. Tee ist kein Getränk, Tee ist eine Lebensanschauung. Zumindest, wenn man sonst keine hat.
1 = Die Zitate stammen aus dem Buch Das Tao des Teetrinkens von John Blofeld.
2 = Wobei der Gerechtigkeit halber erwähnt werden muss, dass es oft gar nicht so sehr ein Mangel des Tees an sich ist, wenn er nicht schmeckt, sondern mehr daran liegt, dass – insbesondere bei der maschinellen Ernte – zusätzlich zu den Teeblättern Zweige und Äste mit in den Tee gelangen können, die den Geschmack (negativ) beeinflussen.