Für diesen Text verlasse ich meinen Platz hinter der Kamera und
will versuchen, mich in einen Menschen hinein zu versetzen, der
gerne fotografiert werden möchte im Rahmen einer Fotosession,
aber noch nicht weiß, wie er sich vorbereiten kann.
Grundsätzliches
Eine Fotosession mit einem Menschen vor der Kamera gehört zu den komplexesten Bereichen der Fotografie. Es ist der Versuch, die Persönlichkeit eines Menschen, die oft nur schwer fassbar ist, in einer visuellen Form darzustellen, vor allem durch Körpersprache, Licht und Gestaltung.
Manche Menschen sagen sich: »Lassen wir es einfach laufen. Der Fotograf, die Fotografin weiß schon, was sie tut.« Das ist eine gute Einstellung, die sehr oft sehr schnell zu guten Ergebnissen führt. Aber die meisten Menschen möchten sich nicht unvorbereitet sozusagen ins kalte Wasser schubsen lassen und ohne viel Überlegung zu schwimmen beginnen (oder untergehen), sondern fühlen sich wesentlich sicherer, wenn sie vorab einige Informationen und Tipps erhalten, wie sie sich auf eine Fotosession vorbereiten können. Genau dabei will dieser Text behilflich sein.
Fragen
Der beste Einstieg bei der Planung einer Fotosession ist, mir als die Person, die Fotos von sich haben möchte, selbst ein paar Fragen zu stellen. Und zwar Fragen, bei denen es mehr um die innere Einstellung als um äußere Angelegenheiten geht.
Für wen sind die Bilder? Sind es Bilder für mich selbst oder sind sie für andere Menschen gedacht? Mutter oder Vater oder andere Verwandte? Freund oder Freundin, Ehemann oder Ehefrau? Andere nahestehende Leute? Oder sind die Bilder für das Portfolio des Fotografen, der Fotografin? Sind es Bilder für eine Veröffentlichung im Netz, als Buch oder für eine Ausstellung? Oder eine Kombination aus den verschiedenen Möglichkeiten?
Will ich überhaupt meine Persönlichkeit und meine Gefühle in visueller Form ausdrücken? Oder würde es mir mehr Spaß machen, einfach in eine »Rolle« zu schlüpfen, wie eine Schauspielerin oder ein Schauspieler?
Was wäre, wenn die Fotosession die letzten Bilder meines Lebens wären? Wie sollen die Bilder aussehen, mit denen ich den Menschen in Erinnerung bleiben möchte? Das ist vielleicht im ersten Moment ein erschreckender Gedanke, aber sehr lehrreich für mich selbst und das Verständnis dafür, wie ich mich sehe.
Worauf will ich den Schwerpunkt meiner Bilder legen? Bildnis-Fotografie (Menschen-Fotografie) wird gerne gleichgesetzt mit dem Fotografieren des Gesichts, denn dort spielt sich vieles ab, was mich erkennbar macht als der Mensch, der ich bin. Aber die Bildnis-Fotografie hört nicht bei der Großaufnahme des Gesichts auf. Auch der Körper gehört dazu, egal ob bekleidet in einer für mich typischen oder bedeutungsvollen Art und Weise, oder nackt. Dazu kommt die Körperhaltung, die immer etwas von mir ausdrückt. Außerdem kann ich mich als Person über die Umgebung beschreiben, in der ich mich aufhalte. Gibt es Orte, an denen ich mich besonders wohl oder besonders unwohl fühle? Wäre es beispielsweise schön, in einem Wald fotografiert zu werden? Oder assoziiere ich den Wald mit dem Unbekannten, das mir Unbehagen oder sogar Angst bereitet? Oder mag ich vielleicht draußen irgendwo in der Nacht statt am Tag fotografiert werden? Die Möglichkeiten, sich nicht (nur) unter Studiobedingungen, sondern irgendwo sonst fotografieren zu lassen, sind fast unerschöpflich.
Umsetzung
Wenn ich über die oben aufgelisteten Fragen (und vielleicht auch über weitere Fragen) nachdenke, komme ich irgendwann an den Punkt, an dem ich mir vorzustellen versuche, wie all diese Überlegungen in die Praxis umgesetzt werden sollen.
Was kann ich selbst tun, das der Fotograf, die Fotografin, nicht für mich vorbereiten kann? Sollte ich mir Posen überlegen, die das auszudrücken versuchen, was ich in meinen Bildern finden will? Nein. Bitte nicht.
Posen sind einstudiert und kopflastig. Die Kraft der Fotografie speist sich aber aus Gefühlen. Deshalb wirken Posen oft unglaubwürdig, weil sie meist nicht einem Gefühl entspringen, sondern denkendem Kalkül. Am Anfang einer Fotosession macht man oft ein paar Posen, einfach um »reinzukommen,« aber das ist nur eine Art Aufwärm-Phase und hat mit der eigentlichen Fotosession noch nichts zu tun.
Die beste Vorbereitung auf eine Fotosession und damit die Umsetzung der oben aufgeführten Fragestellungen liegt auf einem anderen Gebiet, auf dem sich die meisten Leute recht gut auskennen: Kleidung, Haare, Makeup, Accessoires. Jede(r) weiß für sich am besten, welche Kleidung zu einer Stimmung passt. Das Gleiche gilt für Frisur, Makeup und Accessoires wie Schmuck, Tücher, Hüte und ähnliches, wobei das alles je nach Geschlecht und Vorlieben sehr stark variieren kann.
Eines bleibt noch anzumerken, und zwar im Hinblick auf die Schwarzweiß-Fotografie. Stark gemusterte Kleidung funktioniert in der Schwarzweiß-Fotografie meistens nicht gut, da sie oft den Blick der Bild-Betrachter ablenkt. Am besten geeignet ist einfarbige Kleidung ohne Muster, wobei die Helligkeit der Kleidung nicht nahe bei der Helligkeit der Haut liegen sollte, da sonst keine deutliche Unterscheidung der Tonwerte von Haut und Kleidung möglich ist. Das Makeup in der Schwarzweiß-Fotografie kann dezent sein, da durch den bewussten Einsatz von Licht und Schatten schon viel in einem Gesicht passiert, das man sonst dem Makeup überlässt.
Abschließend noch der Tipp: Bei allen (vermeintlichen) Problemen bei der Vorbereitung ist es immer sinnvoll, mit dem Fotografen, mit der Fotografin zu sprechen. Diese Menschen fotografieren ja nicht zum ersten Mal und können auf jeden Fall weiterhelfen.
Viel Spaß bei der Vorbereitung der Fotosession und natürlich viel Spaß bei der Fotosession!