Mit der Digitalisierung hat sich die Fotografie unserer extrem
beschleunigten Welt angepasst. Digitale Fotografie arbeitet
schnell, sehr schnell. Das Bild ist nach dem Auslösen sofort
verfügbar und kann in Bildbearbeitungs-Programmen beinahe
beliebig verändert werden.
Als Konsequenz verschiebt die digitale Fotografie die kreativen Entscheidungen weg vom Zeitpunkt der Aufnahme und hin zur späteren Bearbeitung der Fotos am Rechner. So kommt es, dass zum einen während des digitalen Fotografierens eine Unmenge zusätzlicher Fotos gemacht wird – Fotos, die nichts weiter sind als Kopien der bereits fotografierten Bildidee – und dass zum anderen die Fotos nicht mit der bestmöglichen Sorgfalt fotografiert werden, da in der Nachbearbeitung vieles korrigiert werden kann.
Gerade in der Fotografie von Menschen baut diese Herangehensweise Hürden zwischen Modell1 und Fotograf2 auf, die dazu führen, dass das Modell entmenschlicht als erstes Glied einer Verarbeitungskette – einem Workflow – angesehen wird. Dabei sind gerade in der Porträt-Fotografie Faktoren wie das Verhältnis zwischen Modell und Fotograf, das innere Einverständnis, die emotionale Auseinandersetzung zwischen Modell und Fotograf Voraussetzungen für ausdrucksvolle Bilder. Der Mensch vor der Kamera mit seinen Gefühlen und Vorstellungen und der Mensch hinter der Kamera mit seinen Gefühlen und Vorstellungen machen das Bild, nicht die Kamera und Photoshop.
Mit einer Herangehensweise, die man die Entschleunigung der Fotografie nennen könnte, möchte ich meine Aufmerksamkeit auf den Ort und die Zeit des Geschehens, den Auslöse-Moment, fokussieren. Fotografie betreiben als unmittelbare Auseinandersetzung mit dem Motiv. So entstehen Fotografien, die ich schon bei der Aufnahme als Endprodukt ansehe und nicht nur als Rohmaterial für eine spätere digitale Bearbeitung. Fotografien, die digital aufgenommen werden, deren weitere Bearbeitung aber dem Motto folgt: so viel Bearbeitung wie nötig, so wenig wie möglich. Und genau so wichtig: Fotografien, die ganz klassisch auf Film aufgenommen werden, als Rückbesinnung und Prüfstein dafür, dass die Kraft der Bilder unabhängig ist von ihrer analogen oder digitalen Entstehungsweise.
1 = Der Begriff Modell wird hier nicht geschlechts-spezifisch verwendet. Er dient vielmehr als Kurzfassung für die Umschreibung die Person, die fotografiert werden soll und nicht als Synonym für ein Berufs-Fotomodell.
2 = Der Begriff Fotograf wird hier nicht geschlechts-spezifisch verwendet. Er dient vielmehr als Kurzfassung für die Umschreibung die Person, die fotografiert und nicht als Synonym für einen Berufs-Fotografen.