Julia war gerade erst in die Gegend gezogen.
Mit dem Tatendrang, den jedes achtjährige Kind
an den Tag legt, entschloss sie sich, gleich
jetzt das Waldstück zu erforschen, das wenige
Meter hinter dem Haus begann. Ihre Mutter hatte
Julia erzählt, dass die alten Leute den Wald
für einen Zauberwald hielten.
Es war ein winterlich kalter, aber wunderschöner Tag. Der Schnee ließ die Landschaft ausschauen, als ob sie mit Puderzucker bestreut worden wäre. Julia betrat den Wald. Er sah eigentlich aus wie jeder andere Winterwald. Ihre Mutter war zunächst nicht allzu begeistert gewesen, als Julia sagte, sie wolle den Wald ganz allein erforschen. Aber dann ließ sie Julia doch gehen, denn das Waldstück war winzig, und verlaufen konnte man sich darin nicht.
Julia versprach, nicht lange fort zu bleiben. Und so streifte sie nun zwischen den Bäumen herum und stellte sich vor, es wäre ein riesiger verwunschener Wald. Warum sagten die alten Leute, der Wald sei ein Zauberwald?
Langsam ergriff eine seltsam feierliche Stimmung Besitz von Julia. Im Wald war es so still, und der Schnee machte alles so geheimnisvoll. Auf dem Boden konnte sie fast keine Einzelheiten erkennen, nur hier und da die Spuren eines Vogels und natürlich ihre eigenen Fußabdrücke. Sie drehte sich einmal um sich selbst, um besser entscheiden zu können, wohin sie nun gehen wollte.
Da, nur ein paar Meter entfernt, sah sie etwas Glitzerndes im Schnee. Aufgeregt rannte sie hin und betrachtete den Gegenstand genauer. Es könnte ein Eiszapfen sein, vermutete sie. Aber nein, Eiszapfen sind länglich, und dieses Ding sah mehr aus wie ein gefrorener Wassertropfen. Vorsichtig hob sie das glitzernde Etwas auf. Komisch, es fühlte sich warm an.
Der seltsame Eistropfen in Julias Hand hätte sich eigentlich kalt anfühlen müssen, wie alles, das aus Eis besteht. Aber dieser Eistropfen war anders. Sie spürte seine Wärme, und er schien in ihrer Hand zu schmelzen, ohne Wasser zu hinterlassen. Gleichzeitig spürte sie, wie sich die Wärme in ihr ausbreitete. Es war ein sehr angenehmes Gefühl, aber auch ein bisschen unheimlich. Nach ein paar Augenblicken war der Eistropfen komplett verschwunden. Aber die Wärme blieb.
Mit einem Ruck erwachte Julia. Was für ein verrückter Traum. Etwas verwirrt schaute sie um sich. Sie saß auf dem Rücksitz des Autos ihrer Eltern. Draußen zog langsam eine wundervolle Schneelandschaft vorbei. »Noch eine Stunde, dann sind wir da.«, sagte ihre Mutter. »Unser neues Zuhause wird Dir bestimmt gefallen. Gleich hinter dem Haus beginnt ein kleines Waldstück. Die alten Leute sagen, dass es der Rest eines uralten Zauberwaldes ist. Wäre das nichts für Dich?« Julia wollte ihrer Mutter von dem Traum erzählen, doch dann schwieg sie. Erst einmal wollte sie nachschauen, ob es in diesem Zauberwald Eistropfen gab, die sich warm anfühlen und in der Hand schmelzen, ohne Wasser zu hinterlassen.