Sie hatte sich entschlossen, durch den Park nach Hause zu gehen.
Es war schon dunkel an diesem Herbstnachmittag, und für
gewöhnlich bevorzugte sie gut beleuchtete Straßen für den
Nachhauseweg.
Doch diesmal ging sie durch den Park. Nach den ersten unsicheren Schritten durch die Finsternis, die nur hier und da von den Lichtinseln der Laternen unterbrochen wurde, fand sie Gefallen an ihrem Spaziergang. Der tagsüber so langweilige Park wirkte anders im Dunkeln, viel geheimnisvoller, spannender. Es kam ihr vor, als könne sie ihre Umgebung viel stärker wahrnehmen. Vielleicht, weil sie kaum etwas sehen konnte und sich ihre Aufmerksamkeit nun auf ihre anderen Sinne und ihre Intuition verlagerte.
In der Nähe einer Laterne sah sie eine Parkbank. Ungewöhnlich. Normalerweise wurden die Bänke mit Beginn des Herbstes abmontiert. Sie trat näher und sah, dass auf der Bank ein Briefumschlag lag. Er war unbeschriftet und nicht zugeklebt. Neugierig geworden setzte sie sich und schaute in den Umschlag. Es befanden sich einige Zettel darin, dicht beschrieben. Sie zog einen Zettel heraus und begann zu lesen:
Es war ein altes Haus. Nach der Staubschicht zu urteilen, die sich auf dem Fußboden und auf den Möbeln angesammelt hatte, war es schon seit längerem unbewohnt. Aber das war genau das, was er suchte. Er wollte das Innere des alten Hauses fotografieren. Jene seltsame Faszination in Bildern einfangen, die von verlassenen Häusern ausgeht. Besonders dann, wenn diese Häuser eine Geschichte haben, weil sie lange Zeit von Menschen bewohnt worden waren.
Die Herbstsonne fiel schräg durch die blinden und zum Teil zerbrochenen Fenster, und seine Schritte ließen den Staub in den Sonnenstrahlen tänzeln. Er stieg eine Treppe hinauf. Er wollte den Dachboden sehen. Dachböden und Keller fand er am interessantesten in alten Häusern. Dort staute sich die Geschichte der ehemaligen Bewohner.
Auf dem Dachboden gab es eine Unmenge Krimskrams. Zu viel Durcheinander für gute Fotos. Zu verwirrend. Er öffnete eine kleine Schatulle, die schon sehr lange hier liegen musste, denn ihr zweifellos schönes Muster war kaum mehr zu erkennen unter der Staubschicht. Die kleine Schatulle beinhaltete nicht viel, nur ein Foto. Das Foto zeigte ihn, wie er die Schatulle öffnet.
Eine seltsame Geschichte. Neugierig geworden, nahm sie den zweiten Zettel aus dem Umschlag. Eine neue Geschichte? Ja, es sah ganz danach aus:
Er war tot, das wusste sie, und auch noch so viel grübeln und wachliegen in der Nacht würde ihn nicht wieder lebendig machen. Zuerst war sie schockiert und wie betäubt gewesen, als sie die Nachricht hörte. Dann, als die Beerdigung näher rückte, spürte sie Angst vor diesem Tag. Doch im Nachhinein war dieses Ritual trotz des hell aufflackernden Schmerzes und der Tränen gut für sie gewesen, denn es hatte ihr geholfen, sich von ihm zu verabschieden.
Danach waren die Tage wieder zu Alltag geworden, und sie hatte langsam ihr Lachen wiedergefunden. Nur die Nächte waren noch schwierig. Entweder träumte sie schwer und wachte traurig und verzweifelt auf, oder sie konnte erst gar nicht einschlafen. Wie heute Nacht.
Sie stand auf und öffnete das Fenster. Vielleicht würde die kalte Nachtluft ihre Nerven beruhigen. Es war kälter als an den letzten Tagen, doch hatte die kalte Luft immerhin den trüben Himmel leergefegt. Sie war überrascht, wie viele Sterne sie sehen konnte. Wann hatte sie sich zuletzt die Zeit genommen, den Sternenhimmel zu betrachten? In dieser Nacht sah sie ganz genau hin.
Verwirrende Geschichten. Wer mochte sie geschrieben haben? Sie betrachtete noch einmal den Briefumschlag, so gut es im Dämmerlicht der Laterne ging. Kein Hinweis – nichts. Nur die Zettel. Sie nahm einen weiteren Zettel aus dem Umschlag und las, was darauf geschrieben stand:
Es begann damit, dass er von ihr träumte. Erst unregelmäßig, dann immer häufiger. Eine Frau, eingehüllt in einen schwarzen Mantel. In all seinen Träumen stand sie regungslos in einer nächtlichen Landschaft. Wenn er erwachte, spürte er einen Schmerz, wie eine tiefe Wunde in seiner Seele.
Dieser Schmerz fühlte sich an wie eine seltsame Wehmut. Wie eine Sehnsucht, und doch nicht so, wie man sich nach einem Menschen sehnt, sondern eher die Sehnsucht, in ein Mysterium einzudringen, um es zu verstehen. Und die wehmütige Erkenntnis, dass das Verstehen eines Mysteriums den Tod für eben dieses Mysterium bedeutet.
In dieser Nacht hielt es ihn nicht im Bett. Er ging hinaus, ohne Ziel, einfach hinaus in die Nacht. In einem Park sah er sie. Sie saß auf einer Parkbank und hielt mehrere Blätter Papier in der Hand. Es schien ihm, als sei sie ausgesprochen vertieft in irgendwelche Texte, die auf den Blättern standen.
Nun wurde ihr das Ganze doch etwas unheimlich. Es war praktisch Nacht, und sie saß auf einer Parkbank. Sie hielt Zettel in der Hand. Wie konnte etwas in einer Geschichte stehen, das sie eben gerade tat? Im Umschlag war noch ein letzter Zettel. Sie las:
»Du bist nur eine Fantasiegestalt«, stand mit Filzstift geschrieben auf dem Küchentisch. Komisch, dachte sie, im Morgenmantel und noch reichlich schlaftrunken in der Küche stehend. Eigentlich hatte sie sich nur wie üblich ihren Morgenkaffee als lebensnotwendigen Muntermacher zubereiten wollen, und nun so etwas.
Noch einmal dachte sie: Komisch. Müsste sie jetzt nicht in Panik geraten, die Polizei rufen, ein Messer aus der Schublade ziehen und sich in einer Ecke verkriechen? Sie lebte allein in ihrer Wohnung, wer also hatte den Satz auf den Küchentisch geschrieben?
Sie geriet nicht in Panik, rief nicht die Polizei, holte sich kein Messer und verkroch sich auch nicht in einer Ecke. Stattdessen setzte sie wie geplant die Kaffeemaschine in Gang und ging erst einmal duschen. Sicherheitshalber schloss sie aber die Tür zum Bad ab.
Als sie unter der Dusche stand, nackt und nass, dachte sie, dass sie – mal angenommen, sie wäre wirklich eine Fantasiegestalt – sicherlich von einem Mann ausgedacht wurde. Denn gerade einmal ein paar Sätze, nachdem ihre Geschichte begonnen hatte, war sie schon nackt. Typisch.
Naja, jedenfalls beendete sie ihre Morgentoilette ohne weitere Zwischenfälle und ging schließlich in die Küche zurück. Der Kaffee war in der Zwischenzeit durch die Maschine geblubbert, und so setzte sie sich hin, um den koffeinreichen Muntermacher zu genießen. Und um ihre Lage zu überdenken.
Ihr fiel auf, dass ihr Küchentisch nicht nur mit dem Satz »Du bist nur eine Fantasiegestalt« verunziert worden war, sondern dass auch ein zusammengefaltetes Blatt Papier auf dem Tisch lag, das genauso wenig von ihr stammte wie der Filzstift-Satz. Auf dem Blatt Papier stand:
Sie hatte sich entschlossen, durch den Park nach Hause zu gehen. Es war schon dunkel an diesem Herbstnachmittag, und für gewöhnlich bevorzugte sie gut beleuchtete Straßen für den Nachhauseweg.
Doch diesmal ging sie durch den Park. Nach den ersten unsicheren Schritten durch die Finsternis, die nur hier und da von den Lichtinseln der Laternen unterbrochen wurde, fand sie Gefallen an ihrem Spaziergang. Der tagsüber so langweilige Park wirkte anders im Dunkeln, viel geheimnisvoller, spannender. Es kam ihr vor, als könne sie ihre Umgebung viel stärker wahrnehmen. Vielleicht, weil sie kaum etwas sehen konnte und sich ihre Aufmerksamkeit nun auf ihre anderen Sinne und ihre Intuition verlagerte.
In der Nähe einer Laterne sah sie eine Parkbank. Ungewöhnlich. Normalerweise wurden die Bänke mit Beginn des Herbstes abmontiert. Sie trat näher und sah, dass auf der Bank ein Briefumschlag lag. Er war unbeschriftet und nicht zugeklebt. Neugierig geworden, setzte sie sich und schaute in den Umschlag. Es befanden sich einige Zettel darin, dicht beschrieben. Sie zog einen Zettel heraus und begann zu lesen.